IQWiG-Jahresgespräch 2025 - Transkript

Andreas Lange: Ja, und hier sitzen wir wieder. Schwups, ist ein Jahr schon vergangen. Herzlich willkommen zum IQWiG-Jahresgespräch 2025. Wir gucken zurück auf das letzte Jahr. Ich bin Andreas Lange. Schön, dass Ihr dabei seid. Schön, dass Sie zuhören, und wir gucken zurück auf das letzte Jahr, auf das letzte IQWiG-Jahr zusammen mit der Institutsleitung des IQWiG. Das sind Dr. Michaela Eikermann und Dr. Thomas Kaiser, stellvertretende Leiterin und Leiter des IQWiG in Köln. Wir versuchen ein Resümee, wir versuchen eine Bilanz, einen Rückblick auf ein ganzes IQWiG-Jahr. Das ist natürlich jede Menge zu stemmen. Das Motto ist: "Alles neu"; darüber wollen sprechen. Was war alles neu? Thomas, Michaela, was war denn alles neu, was so letztes Jahr passiert ist?

Thomas Kaiser: Ja, tatsächlich haben wir einige neue Sachen im Jahr 2025 erlebt, erarbeitet. Ähm, und deswegen ist das Motto "Alles neu" auch sehr passend für das Jahr 2025, auch wenn es natürlich in jedem Jahr immer mal wieder ein paar neue Dinge gibt, aber es war schon sehr prägend für das Jahr, dass wir so viele Neuigkeiten haben. Natürlich hat das Ganze begonnen, dass wir das erste Jahr in diesem neuen Gebäude waren, aber inhaltlich ist eben auch sehr viel passiert. Z. B. haben wir die Methoden für die Entwicklung von Mindestvorhaltezahlen entwickelt im Jahr 2025. Das ist eine wichtige neue Aufgabe, die wir im Zuge der Krankenhausreform bekommen haben. Wir haben in dem Zusammenhang auch neue Beteiligungsverfahren erprobt. Wir haben einen Workshop mit anderen Gruppen durchgeführt während der Erarbeitung der Methoden, und wir haben auch ein Webinar durchgeführt, um diese Methoden zu erklären. Und beides hat wunderbar geklappt. Ein zweiter ganz wesentlicher neuer Punkt für die Institutionen war natürlich, dass jetzt tatsächlich die europäische Nutzenbewertung in Kraft getreten ist nach jahrelanger Vorbereitung. Also tatsächlich konkrete Bewertungen durchgeführt wurden im letzten Jahr, ähm, beginnend mit Arzneimitteln. Das waren auf jeden Fall schon mal zwei sehr große neue Punkte.

Michaela Eikermann: Ja, ich kann noch ein paar neue Punkte ergänzen, glaube ich. Wir haben auch auf dem Themengebiet der Mindestmengen was Neues gehabt, denn wir haben uns tatsächlich die Frage gestellt, wie wir denn auch systematisch bewerten können, wie man auch für seltene Eingriffe bzw. seltene Erkrankungen feststellen kann, ob eine höhere Leistungsmenge in den Krankenhäusern oder bei den Behandlern denn tatsächlich dazu führt, dass die Qualität der Versorgung verbessert wird – und vor allen Dingen dann, wenn wir eben nicht direkte zu diesem Eingriff haben, sondern auf andere Eingriffe, andere Erkrankungen zurückgreifen müssen. Damit haben wir uns methodisch beschäftigt und sind gerade in den ersten Berichten, um diese Methodik dann anzuwenden. Und dann haben wir auch zum ersten Mal in diesem Jahr eine Richtlinie des evaluiert. Wir haben uns da mit der Regelung zum gestuften System der Notfallstrukturen in den Krankenhäusern beschäftigt, also da eigene Daten erhoben, eine eigene Befragung gemacht. Dann laufen aktuell im Bereich Gesundheitsinformation zwei Sonderprojekte, wo wir uns zum einen damit beschäftigen ... mit den speziellen Bedarfen und Anforderungen an Gesundheitsinformationen für Menschen mit Migrationserfahrung, aber eben auch für Personen, die als schwer erreichbar mit den konventionellen Wegen der Gesundheitsinformation gelten. Und dann haben wir uns noch zum ersten Mal selbst, hands-on, mit einer Modellierung bei Screening-Fragestellungen beschäftigt. Also, es gab schon in anderen Berichten früher Modellierungen, die hier durchgeführt wurden, aber eben mit starker externer Beteiligung bzw. die extern beauftragt wurden. Aber jetzt haben wir da tatsächlich selbst diese Modellierung durchgeführt.

Andreas Lange: Das war eine ganze Menge. Ist das damit so weitestgehend abgedeckt?

Thomas Kaiser: Ja, ich glaube, das ist schon großer Teil, aber ich würde gerne noch so zwei Generalauftragsprojekte erwähnen. Ein Projekt ist eins, das dazu dient, dass wir uns zukünftig dem widmen wollen, mehr Fragen von Bürgerinnen und Bürgern im Bereich Themencheck beantworten zu können. Und der Hintergrund dieses Generalauftragsprojektes ist es zu überprüfen, ob und in welchem Umfang und in welchen Projekten es sinnvoll und notwendig ist, sich die Bereiche Ethik, Soziales und Recht anzuschauen, weil diese Berichte zu Beginn vor 10 Jahren erstmal so implementiert wurden, dass immer alles angeschaut wird und unser Eindruck eben ist, dass es sinnvoller ist, da gezielt das zu machen, wo man es machen sollte.

Andreas Lange: Mit dem Ziel, dass es schneller geht, mit dem Ziel, dass es kompakter wird, mit dem Ziel, mehr solcher ...

Thomas Kaiser: Alle drei. Na ja, das hängt ja miteinander zusammen, ne? Also, wenn du weniger Aufwand hast, dann kannst du schneller werden. Wenn du weniger Aufwand hast, dann kannst du auch mit den gleichen Ressourcen mehr Fragestellungen beantworten. Im Grunde genommen geht es eben darum, die Ressourcen, die dafür zur Verfügung stehen, besser anzuwenden, nämlich mehr Fragestellungen sachgerecht zu beantworten, anstatt einzelne Fragestellungen sehr umfangreich, wo das aber vielleicht gar nicht für die Frage notwendig ist. Also, das ist eine Zielsetzung. Und dann haben wir uns im letzten Jahr mit einem Projekt auch zukünftiger Arbeit mit künstlicher Intelligenz zur Unterstützung unserer Projekte beschäftigt. Da geht es ganz konkret darum, dass wir uns angeschaut haben, wie so die Daten und Kenntnislage zur Verwendung künstlicher Intelligenz zur Unterstützung von Literaturscreening ist.

Andreas Lange: Ich habe nicht so genau mitgezählt, aber das sind so ungefähr 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 ... so acht Themen oder so. Wenn wir die alle besprechen wollen, denke ich, dann sitzen wir morgen noch hier. Wir haben uns zwei Sachen rausgepickt. Beides ist genannt worden schon von euch. Das eine ist EU-HTA, und da kommt man überhaupt nicht dran vorbei. Das wird sozusagen ... Die Wände, die scheinen das widerzuhallen: EU-HTA, weil es eigentlich immer in den Fluren auch Thema ist. Das gucken wir uns gleich an. Und anfangen wollen wir mit einer Sache, Michaela, du hast es gerade auch gesagt, Modellierungsverfahren im Screening-Prozess. Beide Begriffe musst du wahrscheinlich erklären. Also beim Modellieren denke ich eher an so was Künstlerisches. Das ist ja, äh wahrscheinlich nicht gemeint.

Michaela Eikermann: Nee, künstlerisch tatsächlich nicht. Kreativ vielleicht in gewisser Weise, aber nein, tatsächlich geht es um sogenannte entscheidungsanalytische Modelle, oder es geht darum, dass wir, dass wir noch mal andere Wege nutzen zur Entscheidungsunterstützung für die Frage, ob man etwas an bestimmten Screening-Verfahren ändern sollte oder nicht. Also da noch mal ... noch mal andere Möglichkeiten zu schaffen, an Informationen zu kommen.

Andreas Lange: Jetzt bin ich so weit informiert, dass das IQWiG sich anguckt, gibt es da eine Evidenz, und dann sozusagen daraus die Schlüsse zieht? Dann scheint das ein Fall zu sein, wo es keine Evidenz gibt oder wo die falsch ist oder keine Ahnung.

Michaela Eikermann: Genau. Du liegst da schon ganz richtig. Also die eigentliche Frage, die an uns gestellt wurde, war tatsächlich die Frage nach dem einer Vorverlagerung des bestehenden Darmkrebs-Screenings mittels Darmspiegelung oder mittels dieser Stuhltests und ... also, bei Personen unter 50 Jahren dann eben, ne? Das war die ursprüngliche Frage. Und eine zweite Frage war dann tatsächlich: Wie ist denn eigentlich der Nutzen von verschiedenen Strategien in Hinblick auf die Abstände von Darmspiegelungen und Häufigkeiten von Darmspiegelungen? Und natürlich wünschen wir uns bei all diesen Fragen immer, dass wir direkte Evidenz haben, dass wir schöne, große, langlaufende, randomisierte, kontrollierte Studien haben, belastbare Daten haben, aus der wir dann tatsächlich eine Nutzenaussage ableiten können. Wenn man das aber nicht hat, kann man natürlich sagen, haben wir nicht, und macht sozusagen Schluss. Das nützt aber nicht, weil man muss ja trotzdem eine Entscheidung treffen, ob man das Screening so wie es ist beibehält oder ob man eine Veränderung des Screenings für sinnvoll hält. Und da können eben solche Modellierungen, solche entscheidungsanalytischen Modelle hilfreich sein, um Informationen zusammenzutragen aus verschiedenen Quellen, um diese Entscheidung zu unterstützen.

Andreas Lange: Es geht um Darmkrebs-Screening. Meines Wissens ist es so, mit 50 geht's los und dann alle 5 oder 10 Jahre irgendwie. Ich habe eigentlich gedacht, dass diese Regelung schon auf Evidenz auch beruht.

Michaela Eikermann: Genau, das ist auch so.

Andreas Lange: Warum wird jetzt plötzlich diskutiert, irgendwie damit früher anzufangen oder das häufiger zu machen?

Michaela Eikermann: Ja, das ist ja dann manchmal so. Dann gibt es bestimmte Länder, da startet man früher mit dem Darmkrebs-Screening. Dann gibt's immer so die Forderung, das muss hier auch so sein. Dann gibt es so ... so Annahmen natürlich auch häufig: "Na ja, wenn man früher startet und vielleicht häufiger screent, dann ist das ja an sich besser, weil man mehr findet", und das muss man ja schon alles auch mit Evidenz unterlegen bzw. einmal irgendwie sauber aufschlüsseln, was passiert eigentlich, was passiert eigentlich, wenn wir früher starten? Wie häufig müssten wir dann eigentlich screenen, um vielleicht in einem ähnlichen Bereich mit dem Nutzen zu liegen, wie wir es jetzt haben? Macht das überhaupt Sinn, früher zu starten? Macht es vielleicht mehr Sinn, länger nach hinten zu gehen? Macht es mehr Sinn, die Abstände anzupassen? Oder wenn wir früher starten, in welchen Abständen hätten wir denn dann vielleicht ... nehmen wir den größten Nutzen an? All das, und dann, dann siehst du schon anhand dieser ... dieser Feinheiten, dass man kaum davon ausgehen kann, dass man für all diese Fragen, auf die man kommen kann, einzelne Studien findet, aus denen das ableitbar ist. Und dann muss man eben auch noch mal auf andere Daten zurückgreifen, auf epidemiologische Daten, auf Daten aus Beobachtungsstudien, vielleicht Daten aus Registern, um dann eben Informationen zu haben, was denn ein sinnvolles Screening-Programm ist, auch wieder mit dem Blick, wir haben bestimmte Ressourcen zur Verfügung, die wollen wir einsetzen, ein sinnvolles Darmkrebsscreening zu machen, und wie setzen wir die am besten ein, sodass die Menschen den meisten Nutzen davon haben.

Andreas Lange: Und das Modellieren besteht dann darin, auf diese anderen, vorhandenen Daten zuzugreifen und sozusagen daraus dann entsprechende Schlüsse zu ziehen?

Michaela Eikermann: Ganz genau. Man muss aber natürlich immer sagen, das ist jetzt nicht gleichwertig mit direkter Evidenz. Also das ist schon für uns schon ... schon eine andere Form von ... Also es ist natürlich auch Evidenz. Es ist eine andere Form von Evidenz. Es ist nicht gleichwertig mit dieser tollen großen langlaufenden, randomisierten, kontrollierten Studie, aus der wir das alles mit einer großen Sicherheit ableiten können. Aber dennoch, wenn die Daten, die man dieser Modellierung zugrunde legt, eben schon belastbar sind, dann kann man da schon gute Informationen zusammentragen und eine Entscheidung unterstützen.

Andreas Lange: Und das war neu.

Michaela Eikermann: Das war neu, dass wir hier selber diese Modellierung durchgeführt haben, dass wir selber diese verschiedenen Parameter, die wir auch in dieses Modell geben, weil da kann man natürlich an ganz vielen Stellschrauben drehen. Da kann man natürlich auch mal schauen, was passiert denn eigentlich, wenn man mehr Koloskopien macht? Gibt es da Unterschiede, auch, was die Teilnahmeraten angeht? All diese Dinge muss man bedenken. Also auch das fließt in das ein, auch geschlechtsspezifische Unterschiede, und all ... sich diese Gedanken darüber zu machen, was sind eigentlich die uns interessierenden Parameter, was sind die Variablen, die wir mitbedenken müssen? Ähm, was ist eigentlich so eine ideale Screening-Strategie auf Basis der Daten, die wir so zusammentragen können? Das ist hier zum ersten Mal hands-on gemacht worden, diese Modellierung, und es ist nicht die erste Modellierung im IQWiG, das muss man schon auch sagen. Es hat in früheren Berichten schon Modellierungen gegeben, die sind aber extern gemacht worden. Und das ist schon einfach noch mal ein großer methodischer Schritt, muss man sagen. Also einfach etwas, was auch, glaube ich, da noch mal ... ja, viel, viel neue Kompetenz auch ins Institut gebracht hat.

Andreas Lange: Vorher extern, jetzt intern. Sind denn auch Hands-on-Ergebnisse rausgekommen?

Michaela Eikermann: Ja, es kommen immer Hands-on-Ergebnisse raus. [Gelächter] Nein, es ist tatsächlich so. Also, wie erwartet, und das war ja überhaupt der Auslöser für die Modellierung, gab es keine direkte zu der Frage, ne, macht es Sinn, das Screening früher zu starten und die Screening-Intervalle anzupassen? Und das, was aus der Modellierung rauskommt, sind tatsächlich verschiedene Szenarien, die man gehen könnte. Und was davon jetzt ausgewählt wird, das ist natürlich dann ne Sache, die im in den Beratungen stattfindet. Also man muss da eben so verschiedene Dinge miteinander abwägen, miteinander vergleichen. So ganz grob kann man sagen, dass es so scheint jetzt nach den Daten, die wir ausgewertet haben, dass es möglicherweise sinnvoller ist, eher länger zu screenen als früher anzufangen, aber eben da gibt's verschiedene Dinge, die man betrachten muss, Teilnahmeraten, die man beachten muss. Und das ist, glaube ich, ganz gut auch aufgehoben in der Diskussion und in der Beratung im .

Andreas Lange: Das war die erste eigene Inhouse-Modellierung, kann man sagen, zu einem Screening, in dem Fall Darmkrebs-Screening. Das andere, wir hatten es schon angedeutet, ist eben die EU-HTA ... europäische ?

Thomas Kaiser: Vollkommen richtig. Das heißt, dass auf europäischer Ebene von europäischen Institutionen eine gemeinsame Bewertung einer Gesundheitstechnologie durchgeführt wird und diese gemeinsame Bewertung dann in den einzelnen europäischen Staaten genutzt werden kann für die Entscheidung in diesem jeweiligen Land, also z. B. Deutschland.

Andreas Lange: Und in diesem Fall sind es ... geht es im Moment um Arzneimittel.

Thomas Kaiser: Genau, das ist der Start jetzt 2025 gewesen. Wir sprechen ja heute im Jahr 2026 rückblickend auf das Jahr 2025. Im Jahr 2026, jetzt hat es auch begonnen mit, ähm, Medizinprodukten, mal so ganz allgemein gesagt. Viel, viel geringere Bedeutung, auch viel, viel geringerer Umfang. Da können wir sicherlich nächstes Jahr auch noch mal drüber sprechen. Aber der Start, und da haben auch die meisten drauf geschaut, für diesen EU-HTA-Bereich waren jetzt eben Arzneimittel. Das geht in so einer ... ist in so einer gestuften Sache. Im letzten Jahr hat das eben begonnen mit Arzneimitteln zur Krebsbehandlung und ATMP; das ist eine Abkürzung. Man kann sich da ungefähr so Gen- und Zelltherapien drunter vorstellen.

Andreas Lange: Das sind jetzt nicht freiverkäufliche Medikamente. Ich wollte erzählen, die Erfahrung, dass es möglicherweise sinnvoll ist, die macht man natürlich als Tourist, wenn man dann selbst in Österreich manchmal ein Erkältungsmittel, was man sonst immer nimmt, holt, und dann haben die das gar nicht. Oder es ist da freiverkäuflich, und in Deutschland muss man es sich verschreiben lassen. Also es ist ein großes Kuddelmuddel – jetzt nicht bei den Krebsmedikamenten, sondern jetzt bei so ganz normalen Sachen, wo ich jetzt die Erfahrung gemacht habe. Wird das denn dann alles besser, wenn das einheitlich bewertet wird und ...?

Thomas Kaiser: Ja, also die Erfahrung, die du jetzt persönlich mit diesen freiverkäuflichen Dingen gemacht hast, das hat damit erstmal gar nichts zu tun. Sondern es gibt auch jetzt schon bereits, und schon seit vielen Jahren, eine sogenannte zentrale europäische Zulassung. Also erst mal die grundsätzliche Überlegung, ob ein Arzneimittel in den Ländern der Europäischen Union, mal so gesagt, auch ein paar assoziierten Ländern, ob das grundsätzlich in die Versorgung gebracht werden kann. Das macht die Zulassung. HTA stellt die Frage, ob das in die Länder gebracht werden soll, denn da kommen ja Fragen rein wie: Kann sich das Gesundheitssystem das leisten? Die kosten ja einen bestimmten Betrag, durchaus inzwischen in sehr hohen Preiskategorien, und da fragt sich jedes Land einzeln, ob es ein solches z. B. neues Krebsarzneimittel in der Versorgung haben will. Das hängt dann davon ab, wie gesagt, ob man sich das leisten kann. Es hängt teilweise auch natürlich davon ab, was sonst schon so an Standardtherapie vorhanden ist. Denn wenn man schon sehr gute Behandlungen hat, dann muss man sich ja fragen, ob man eine weitere Behandlung haben möchte oder nicht. Deine konkrete Frage war, jetzt mal weg von den freiverkäuflichen Arzneimitteln, sondern mal hin zu den Krebsarzneimitteln: Ändert sich denn durch EU-HTA etwas für die einzelnen europäischen Länder z. B. in der Krebsbehandlung? Da muss man sagen, das ist unklar, und es ist deswegen unklar, weil in dieser EU-HTA-Bewertung ein ganz wesentlicher Punkt zwar adressiert werden soll, aber nicht wirklich verankert worden ist, nämlich die Sicherstellung, dass, wenn es eine europäische Bewertung gibt, dass dann mit dieser Bewertung dieses Arzneimittel auch in allen Ländern verfügbar gemacht werden wird, weil die Entscheidung darüber, ob das eben verfügbar gemacht wird, z. B. abhängig vom Preis, weiterhin bei den einzelnen Ländern liegt, und es gibt keine Verpflichtung für die pharmazeutischen Unternehmer, in jedes Land zu gehen.

Andreas Lange: Aber jetzt musst du mir helfen. Es wird gemeinsam auf europäischer Ebene bewertet und irgendwie auch klassifiziert dadurch, aber das hat keine Konsequenzen sozusagen auf die Verkäuflichkeit oder in dem Fall eben Verschreibbarkeit oder auf die Behandlung des einzelnen Landes. Da ist dann wieder jedes Land selber gefragt. Die sagen, die ist zu teuer, keine Lust, schönes Medikament, aber ist mir zu teuer.

Thomas Kaiser: Sagen wir mal so, es hat keinen direkten Einfluss, weil es eben diese Verpflichtung nicht gibt. Es hat natürlich einen indirekten Einfluss, der wird erwartet, weil es den Ländern das vereinfacht, die Entscheidung über die Aufnahme in die Versorgung zu fällen, weil, ähm, viele Länder haben kein so ausgeprägtes Bewertungssystem wie das z. B. in Deutschland ist. Man muss ja sagen, dass IQWiG ist sehr gut ausgestattet, auch der ist sehr gut ausgestattet, und wir haben hier sehr viele Ressourcen, die wir einsetzen jetzt inzwischen seit 15 Jahren, um jedes neue Arzneimittel zu bewerten. Das haben viele Länder nicht. Also, wir arbeiten in diesem EU-HTA-Verfahren teilweise mit Ländern zusammen, da gibt es gerade mal zwei Personen, die solche Bewertungen machen. Und die können natürlich nicht eine Vielzahl von Arzneimittel in ... auch in der Detailtiefe, in der notwendigen Detailtiefe, für die Entscheidung machen. Das heißt, für diese Länder wird dieser europäische eine ganz wesentliche, wertvolle Grundlage sein, um dann darüber zu entscheiden. Mein Punkt ist, es führt nicht zwingend dazu, dass diese Arzneimittel tatsächlich verordnet werden können. Das ist der entscheidende Punkt.

Andreas Lange: Jetzt haben wir ganz viel über EU-HTA gesprochen. Und ich würde jetzt doch gerne mal wissen, weil es eben auch hier in den Fluren des IQWiG sozusagen so ein allgegenwärtiges Thema ist, was ist die Rolle des IQWiGs, oder was ist neu fürs IQWiG in dem Zusammenhang?

Thomas Kaiser: Ja, also für das IQWiG neu ist, ähm, dass es eine Bewertung von Arzneimitteln in Kooperation mit einer anderen Institution gibt. Schon mal als ganz erster wesentlicher Punkt. Bei den deutschen Bewertungen macht ja das IQWiG die Bewertung und übermittelt die dem Gemeinsamen Bundesausschuss. Bei den europäischen Bewertungen gibt es immer eine leitende Agentur und eine unterstützende Agentur. Und das IQWiG hat jetzt insgesamt schon mehrere solche Projekte begonnen, mal als leitende Agentur, mal als unterstützender Agentur.

Andreas Lange: Also sozusagen im Tandem mit einem anderen Land?

Thomas Kaiser: Im Tandem, genau, immer im Tandem mit einem anderen Land. Wir haben z. B. begonnen in einer Kooperation mit der irischen Agentur. Wir führen gerade Projekte durch mit einer schwedischen Agentur, mit einer portugiesischen Agentur, mit einer ungarischen, mit einer slowenischen Agentur. Also, das heißt, man sieht an der Stelle auch, das ist wirklich vielfältig. Und ein ganz wesentlicher weiterer Punkt, der sich dadurch natürlich ergibt, ist: Was ist die gemeinsame Sprache? Die gemeinsame Sprache der Bewertung ist Englisch. Das ist ein ganz wesentlicher Schritt für das IQWiG, für die Institution, dass wir hier sehr viel Wert jetzt in den letzten zwei Jahren insbesondere darauf gelegt haben, die Kompetenz im Bereich der englischen Sprache, sowohl Sprechen als auch Schreiben, entwickelt haben, weil natürlich beides notwendig ist. Es geht ja nicht nur darum, einen Bericht zu schreiben, sondern auch mit der anderen Agentur, mit den Mitarbeitenden der anderen Agentur diese Dinge zu diskutieren und dann auf europäischer Ebene mit der Gesamtheit der europäischen HTA-Agenturen der Länder dann auch zu diskutieren, was dabei rausgekommen ist.

Andreas Lange: Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kollegin, die gesagt hat: Der erste Bericht ist fertig; das war sozusagen mein Weihnachten.

Thomas Kaiser: Ja, das ist richtig. Und das ganz Interessante ist, wir sitzen ja heute zusammen, und der Bericht ist noch immer nicht veröffentlicht. Heißt ganz konkret, es hat jetzt fast 6 Monate gedauert, dass, nachdem das IQWiG und die irische Agentur den gemeinsamen Bericht in dieser ersten von ihnen erarbeiteten Version in den europäischen Prozess eingespeist haben, bis jetzt tatsächlich das so weit ist, dass er auch veröffentlicht werden kann. Das wird sicherlich bei den zukünftigen Berichten etwas schneller gehen, weil jetzt am Anfang natürlich bei den ersten Berichten auch so Grundsatzfragen diskutiert werden. Zum Beispiel: Gibt es eine Möglichkeit für den Hersteller, bestimmte Daten zu schwärzen? Das ist prinzipiell angelegt, aber welche Art von Daten darf er denn schwärzen? Darf er tatsächlich z. B. auch Nebenwirkungen, die für ihn vielleicht unangenehm sind, für sein Präparat, schwärzen, diese Information, oder darf er das nicht? Also, das waren so ganz umfangreiche Diskussionen, die jetzt geführt wurden. Das wird sicherlich weniger werden, aber mit unserer Bewertung, die wir abgeben, ist der ganze Prozess noch nicht vorbei, sondern das braucht dann eben noch die weitere Beschäftigung in den europäischen Gremien, um dann zu sagen: Und das ist jetzt der europäische Bericht.

Andreas Lange: Du hast gesagt, dass es manche Länder gibt, wo es nur zwei Leute gibt, die da so ein bisschen drüber gucken und natürlich gar nicht so detail... ins Detail gehen können bei dieser Bewertung. Ist das denn auch dadurch, dass das IQWiG eben so gut ausgestattet ist, ist es auch so, dass das IQWiG ein bisschen in diesem EU-HTA-Prozess so eine Art Federführung oder ein bisschen federführend ist?

Thomas Kaiser: Ich würde das nicht federführend nennen. Es gibt mehrere größere Länder, die alleine aufgrund ihrer Erfahrung, aber auch ihrer Möglichkeiten und ihrer Ausstattung den Prozess wesentlich mitgestalten. Das ist z. B. neben Deutschland Frankreich, das ist Schweden, das ist Norwegen, das ist Portugal z. B., das ist aber auch Irland und ich bin sicherlich jetzt nicht vollständig in der Benennung. Und was z. B. unsere besondere Rolle, verkörpert durch Beate Wieseler, die das Ressort Arzneimittelbewertung leitet, in dem europäischen Prozess ist, dass sie den Vorsitz in der Methodengruppe dort hat. Also, da gibt es mehrere Gruppen, insgesamt vier. Und das ist die wichtige Rolle, die Beate an der Stelle hat. Jetzt mal rein mengenmäßig, was die Bearbeitung durch das IQWiG dieser Arzneimittelbewertungen angeht: Wir sind an insgesamt bislang 40 % aller neu zugelassenen ... in diesem seit 2025 neu im Zulassungsprozess sich befindenden Arzneimittel beteiligt. Also schon, es ist schon sehr viel, weil wir eben auch diese Kapazitäten haben und uns die auch von unseren Gremien zugeordnet wurden, weil das so wichtig ist, eben auch am Anfang das Sys... das Verfahren mitzugestalten.

[Musik]

Andreas Lange: Das waren, im Schnelldurchlauf, zwei wichtige Themen der vielen, vielen, vielen wichtigen Themen. Ich denke, alle anderen Themen, Michaela, du hattest ja auch eine ganze Reihe noch, die kann man dann nachlesen. Im Jahresbericht kann man nicht nachhören, aber mehr Informationen kann man bekommen in dem Jahresbericht. Haben wir was ganz, ganz, ganz, ganz Wichtiges vergessen, was jetzt unbedingt noch sozusagen als ... als Sahnehäubchen auf die Weihnachtstorte im Jahresbericht 2025 drauf gehört?

Michaela Eikermann: Nee, ich glaube, wir haben nichts ganz Wichtiges vergessen. Ich glaube, wir haben die großen Themen genannt. Vielleicht, weil wir in dieser Runde hier zusammensitzen und das ja für den digitalen Jahresbericht machen, sollten wir nicht vergessen zu sagen: Im letzten Jahr ist auch zum ersten Mal der erste digitale Jahresbericht entstanden und verstetigt sich schon in diesem Jahr. Also, und auch unsere Audioaufnahme, der Jahresrückblick, war zum letzten ... im letzten Jahr zum ersten Mal da. Also, auch das ist was, was wir bei all den ganzen wissenschaftlichen Projekten, die wir hier genannt haben, nicht vergessen sollten.

Andreas Lange: Dann war das jetzt die zweite Runde des IQWiG-Jahresgesprächs, in diesem Fall 2025. Das war's mit Michaela Eikermann und Thomas Kaiser. Ein kurzer Blick auf zwei, kann man sagen, von 4, 11, vielen, vielen hundert Themen wahrscheinlich, die im Haus behandelt worden sind, die bearbeitet worden sind hier im IQWiG. Vielen Dank euch beiden.

Thomas Kaiser: Gerne.

Andreas Lange: Vielen Dank fürs Zuhören, und das war's für dieses Jahr. Tschüss und bis bald.

Michaela Eikermann: Ja, auch von uns. Tschüss und bis bald.

Thomas Kaiser: Tschüss.

[Musik]