Evidenz in Not – Wie Wissenschaft Politik erreicht - Transkript

Andreas Lange: in Not. Der Titel des IQWiG-Herbst-Symposiums 2025 klingt wie eine Zeitungsüberschrift. Worin genau besteht die Not? Nach Auffassung vieler Forschender darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und erwiesene Fakten zu selten in die Politik einfließen. Deshalb lautet die Kernfrage des Tages: Wie kann Wissenschaft die Politik erreichen? Und für das IQWiG geht es natürlich in erster Linie um den Zusammenhang von Evidenz und Gesundheitspolitik. Also, wie können Wissenschaft und Politik effizienter miteinander agieren, damit belegte Erkenntnisse aus dem Gesundheitswesen konkreter in Gesetzgebung und Versorgung implementiert werden können? Rund 200 Teilnehmende sind gekommen ins Smart Village, einen Veranstaltungsort in Köln-Mülheim. Und Helena Ludwig-Walz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung führt schon in der ersten Keynote Begrifflichkeiten ein, die sich durch das gesamte Symposium hindurchziehen werden. Kommunikation, sagt sie, sei kein schmückendes Beiwerk der Forschung, sondern ein Teil davon, damit Evidenz auch gehört wird. Zudem sei gute Evidenz wertlos, wenn der Anschluss fehlt.

Helena Ludwig-Walz: Das bedeutet, dass wir entsprechend da drauf aufpassen müssen, wen wir adressieren und welchen Kanal wir dann entsprechend nutzen. Und dass wir danach schauen, wie die Anschlüsse gestaltet werden können, damit wir auch gehört werden.

Andreas Lange: Was wiederum zur Folge hat, dass Wissenschaftskommunikation und Evidenzvermittlung nur dann funktionieren, wenn all das auf einem Fundament von Vertrauen und Beziehungsarbeit stattfindet.

Helena Ludwig-Walz: Die Fakten bilden eine wichtige Basis, die müssen stimmen. Um dann aber das zu transportieren und das dann entsprechend in politische Entscheidungen fließen lassen zu können, brauchen wir das Vertrauen, brauchen wir das Beziehungsmanagement.

Andreas Lange: Beziehungsarbeit und wissenschaftliche Fakten, wie geht das zusammen? Verbreitet ist ja die Sichtweise, dass die Fakten für sich alleine sprechen, aber nein, es braucht Anschluss, Kommunikation, Beziehung, Vertrauen, um diese Fakten so zu adressieren, dass sie auch wahrgenommen werden. Warum das so ist, erläutert die folgende Diskussionsrunde. So beschreibt beispielsweise die ehemalige NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens sehr plastisch, wie viele Dokumente in ihrer Amtszeit auf ihrem Schreibtisch gelandet sind, wie schwierig es sei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, also echte unabhängige Evidenz von scheinbarer Evidenz abzugrenzen. Beispielsweise, wenn Interessensvertreter ihre eigenen Studien vorlegen. Bei jedem Thema dann die Abwägung: Ist das politisch oder gesellschaftlich überhaupt relevant? Habe ich genug Zeit, mich mit diesem Thema zu beschäftigen? Und so fasste es Boris Felter, der ehemalige Leiter des Leitungsstabs beim Bundesgesundheitsministerium zusammen:

Boris Felter: Im Kern geht's aus meiner Sicht darum, in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik ein wechselseitiges Verständnis zu haben, wobei jetzt hier die größere Bringschuld sozusagen eigentlich von Seiten der Wissenschaft ist, weil den Politiker oder die Politikerin kann ich nicht dazu bringen, die Wissenschaft zu verstehen. Das heißt, da muss ich auch den Bürger und die Bürgerin mitbedenken. Das ist eine zentrale Message und zentrale für den politischen Akteur, dass er eben nicht entscheiden will – und wenn es vermeintlich noch so evident ist – gegen die Bürgerinnen und Bürger. Das wäre auch Selbstmord in der Demokratie, in der funktionierenden Demokratie, weil dann ist der einfach weg. Dann wird nämlich der gewählt, der sozusagen was anderes will.

Andreas Lange: Schon bei der Mittagspause des Symposiums ist klar, der ungetrübte Blick auf Fakten und ist viel verschwommener, als man annehmen sollte. Die Gesetzmäßigkeiten des Politikbetriebs und somit das ganze eigene Wesen einer Politikerin oder eines Politikers müssen mitbedacht werden und mehr noch mit ins Boot geholt werden, wenn man evidenzbasierte politische Entscheidungen nach vorne bringen möchte. Eine Keynote aus Großbritannien gießt dann noch mehr Öl in die Ratlosigkeit oder sogar Desillusionierung. Paul Cairney, Professor für Politics and Public Policy an der University of Stirling, sagt frank und frei: Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik funktioniert nicht. Politikgestaltung und wissenschaftliche Evidenz laufen nicht zusammen. Drei Gründe dafür führt er an: die Uneinigkeit darüber, was überhaupt Evidenz bedeutet, das mangelnde Verständnis der Wissenschaft von politischen Gestaltungsprozessen und die Tendenz, fast alle Evidenz schlichtweg zu ignorieren.

Paul Cairney: Policymakers have to ignore almost all evidence. So, often we use this phrase, uh, 'filling evidence gaps', and we produce long reports, but really most people are looking to ignore almost everything almost all of the time. So they're looking for ways to do that. Uh, tThat would be to some extent: they set goals and identify key sources of information rather than trying to read everything and speak to everyone. The other thing they do is: they use their gut instincts. They go by their habits or emotions or ... they connect any new informations to things they already know.

Andreas Lange: Trotz dieser Behauptung zeigt er Wege auf. Nicht als Garantie, dass die Kommunikation gelingt, aber doch als Anreiz. Obwohl er es selbst als eine Herkulesaufgabe bezeichnet, obwohl er selbst von sich behauptet, seine ganze Karriere mit dem Versuch verbracht zu haben, politische Systeme zu durchdringen, macht er ein paar Vorschläge, wie man Evidenz stärker in politische Entscheidungsprozesse einbringen kann. Auch er kommt zu der Schlussfolgerung: Es geht nur über Vertrauensbildung und Beziehungspflege.

Paul Cairney: So, I see this as Herculean tasks. Because, I think, people like me have spent a career trying to understand these political systems. But it takes a phenomenal amount of time just to understand a very small number of case studies. So it is not reasonable to ask you to suddenly put in the time to understand all these systems we are talking about there. It is ... it is a good aspiration, but it is not a realistic one. Okay ...

Andreas Lange: Okay. So weit, so kompliziert. Aber – aber – jetzt kommt das "aber". Es gibt auch positive, versöhnliche Beispiele. Eines kommt von der Professorin Eva Rehfuess von der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Eva Rehfuess: Na ja, es ging ja um die evidenz- und konsensbasierte Schulleitlinie in der Coronapandemie. Wir hatten Erfolg im Sinne von Sichtbarkeit. Wir haben diese an den richtigen politischen Stellen platziert. Wir hatten auch in einzelnen Bundesländern in den Bildungsministerien Erfolg, dass die wirklich beachtet wurde und sogar einzelne Maßnahmen oder Empfehlungen oder Regularien geändert wurden. Den ganz bahnbrechenden Erfolg, dass jetzt die Politik zu 100 % unsere Leitlinienempfehlungen übernommen hatte, den hatten wir natürlich nicht. Aber ich hätte auch nicht die Erwartung gehabt. Also den Wunsch schon, natürlich, als Wissenschaftlerin und als Bürgerin, dass diese tollen Empfehlungen übernommen werden, aber da sprechen einfach politische Realitäten dagegen, und das soll auch nicht so sein. Wir sind ja keine Technokratie, wir sind eine Demokratie. Es gibt auch, äh, schon sehr alte politikwissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Jahr 1979, dass Evidenz sehr unterschiedlich genutzt wird in politischen Entscheidungsprozessen und dass die viel häufiger genutzt wird als uns eigentlich bewusst wird. Aber eben manchmal auch über längere Zeiträume hinweg und nicht direkt, konkret, manchmal auch nur symbolisch-politisch, ähm, um im Nachhinein eine Entscheidung zu legitimieren und nicht sozusagen um diese Entscheidung konkret zu gestalten.

Andreas Lange: Und damit spricht sie einen mittel- und langfristigen Wirkmechanismus an, den Evidenz haben kann. Wenn Wissenschaft immer wieder Erkenntnisse thematisiert, an den Themen dranbleibt, insistiert, dann hat es möglicherweise den , dass dieses Wissen sich rumspricht, sich in den Köpfen der Entscheiderinnen und Entscheider verfestigt – und dass es dann vielleicht zu einem viel späteren Zeitpunkt auch in das politische Gesetzes- und Regelwerk einfließt. Für diesen Zweck, ergänzt der Politik- und Kommunikationsberater Dr. Johannes Hillje, kann sich die Wissenschaft auch der Medien bedienen. Denn, so sein Argument, es gibt wirkmächtige Parameter neben der politischen Agenda.

Johannes Hillje: Und dann gibt es aber auch noch eine mediale Agenda. Ähm, Politikerinnen und Politiker lassen sich in einer Mediendemokratie auch sehr stark davon beeinflussen und leiten, was in den Medien besprochen wird, welche Themen dort besprochen werden, aber auch welche Akteure sie da sehen. Also die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den Medien sind, die werden dann auch mal von der Politik eingeladen. Das heißt, ich würde sagen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchen auch eine öffentliche Interventionsfähigkeit. Sie müssen selber ihre Befunde, ihre Erkenntnisse, ihre Studien in die Medien tragen können, um so auf die Politik Druck auszuüben, aber auch um auf sich aufmerksam zu machen. Weil ... erst mal ist es ja so, dass viele Politikerinnen und Politiker nun nicht jeden Morgen die neuesten Fachjournals auf dem Schreibtisch haben, sondern die haben als erstes die Presselage und die Pressemappe auf dem Schreibtisch und orientieren sich wirklich ein Stück weit daran – was wird medial und öffentlich diskutiert – und strukturieren zum Teil auch ihren Tag danach. Also, sie beschäftigen sich dann länger mit einem Thema, wozu sie selber sprechfähig sein wollen in den Medien oder auch auf dem Marktplatz, wenn sie angesprochen werden, als vielleicht einem Fachthema, was vielleicht ... was vielleicht interessant und auch relevant ist, aber nicht salient in den Medien, das heißt so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt. Das heißt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen auch immer aufpassen, dass sie mit ihrem Thema nicht in diesen Graben zwischen Relevanz und Salienz fallen.

Andreas Lange: Mit dieser Erkenntnis endet das Symposium. An erster Stelle sicherlich die Beziehungsarbeit, Networking, dann das Durchdringen einerseits des Politikbetriebs, andererseits der politischen Agenda und der Terminkalender von Politikerinnen und Politikern. Darüber hinaus kommen Medienarbeit, Einbeziehung der Politik schon bei der wissenschaftlichen Fragestellung, das Runterschrauben der Erwartung, jedwede Evidenz müsse unmittelbar und eins zu eins umgesetzt werden, und schließlich ein langer Atem. Tina Vogel, Referatsleiterin Qualitätssicherung beim Bundesministerium für Gesundheit, entlässt das Publikum dazu mit ihrem persönlichen Fünf-Punkte-Plan, ihren persönlichen fünf Ws.

Tina Vogel: Erste Frage: An wen richten Sie sich? Das erste W. Wer ist gerade politisch am Drücker? Welche Koalition haben wir? Was steht im Koalitionsvertrag? Finden Sie raus, was gewünscht ist. Das zweite W: Wie? Wie machen Sie es am besten? Eigentlich ganz einfach. Sie definieren das Problem, bieten eine Lösung an, dann ist alles geritzt. Wir setzen das als Juristen in Gesetze um. Drittes W: Wann machen Sie es am besten? Gucken Sie, was gerade in der Landschaft läuft. Ähm, welche Gesetzesvorhaben sind gerade am Start? Wir sind gerade wieder nach der Krankenhausreform, vor der Krankenhausreform, gerade mittendrin. Also, wenn Sie da noch Änderungen vornehmen möchten, bietet sich der Zeitpunkt jetzt sehr gut an. Vierte Frage, das "Wo machen Sie das am besten"? Es gibt Verfahren, in die Sie sich einbringen. Ansonsten bieten sich Formate wie parlamentarische Abende an oder Symposien wie hier. Gucken Sie da am besten auf den Parlamentskalender. Fünfte Frage: Wer? Je mehr, desto besser. Gilt nicht immer, kann hier aber auf jeden Fall helfen, wenn Sie große Verbände auf Ihre Seite ziehen, dass Sie nicht allein mit Ihrem Anliegen sind, dann fluppt das auch.