Adaptive Pathways

1. Was bedeutet Adaptive Pathways?

Adaptive Pathways (übersetzt etwa „angepasste Pfade“) ist der Name für ein beschleunigtes Zulassungsverfahren für Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA, European Medicines Agency). Bislang wurde es in Pilotprojekten erprobt. Anstelle des aufwändigeren Regelverfahrens soll dieser Weg Pharmafirmen ermöglichen, ein Arzneimittel schneller auf den Markt zu bringen und so Patientinnen und Patienten rascher verfügbar zu machen.

Erreicht werden soll dies, indem die Anforderungen für die Belege für Wirksamkeit und Sicherheit eines Medikaments nicht so rigoros eingefordert werden wie im Regelverfahren, bei dem hochwertige randomisierte kontrollierte Studien (RCT) notwendig sind. Statt patientenrelevanter Endpunkte (wie Sterblichkeit oder Lebensqualität) genügen für einen Wirksamkeitsbeleg vermehrt Ersatzendpunkte („“) wie z. B. der Cholesterinspiegel, Blutdruck und andere physiologische Messwerte.

Infografik Patientenrelevante Endpunkte

Im Ausgleich für diese geringeren Anforderungen soll das neue Arzneimittel vorerst nur durch bestimmte Ärztinnen und Ärzte oder Krankenhäuser verordnet werden und durch eine strenge Begleitung und Kontrolle der Patientinnen und Patienten flankiert werden („Managed Use“). Zudem soll der Wirkstoff zunächst nur einem eng begrenzten Patientenkreis zugänglich sein, z. B. den am schwersten Erkrankten. Derzeit ist noch offen, ob für diese erste Kerngruppe tatsächlich die Anforderungen an die gesenkt werden. Sollte dies der Fall sein, würden die Betroffenen darüber informiert werden, dass das neu zugelassene Mittel mit einer größeren Unsicherheit hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit behaftet ist.

Pharmafirmen könnten durch die beschleunigte Zulassung zu einem früheren Zeitpunkt Einnahmen generieren und hätten zugleich geringere Kosten, weil kleinere, kürzer verlaufende Studien ausreichen würden.

Nach der Erstzulassung sollen die Pharmafirmen schrittweise weitere Belege für Wirksamkeit und Sicherheit eines Arzneimittels liefern, um zum einen die Unsicherheit zu minimieren und zum anderen, um das Medikament zusätzlichen Patientengruppen verfügbar zu machen. Dazu müssen die Ergebnisse ebenfalls nicht aus hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien stammen, sondern sie können vor allem auch aus Beobachtungsdaten resultieren wie sie etwa in der täglichen klinischen Praxis entstehen und in Statistiken der Krankenkassen oder speziellen Registern (z. B. Krebsregistern) gesammelt werden. Solche Daten werden in der Diskussion von Befürwortern des Verfahrens häufig als „Real World Data“* bezeichnet. Wie schon bei der Erstzulassung können auch hier Surrogatparameter stärker mit einbezogen werden als patientenrelevante Endpunkte.

* Real World Data

Real World Data, auch Real Life Data genannt, ist ein nicht gut definierter Begriff, der meist als Oberbegriff für medizinische Daten fungiert, die außerhalb von randomisierten kontrollierten klinischen Studien (RCT) erhoben werden. Wie und zu welchem Zweck diese Daten analysiert werden können, darüber besteht eine intensive wissenschaftliche Diskussion. Daten entstammen zum Beispiel aus Beobachtungsstudien, Versorgungsdaten der Krankenversicherungen oder Anwendungsbeobachtungen von Pharmafirmen. Um deutlich zu machen, dass diese Daten nicht aus randomisierten kontrollierten Studien stammen, erscheint der Begriff non-RCT-Daten eindeutiger als „Real World Data“, denn auch Daten aus RCTs stammen aus dem „Leben“.

Zu unterscheiden sind „Real World Data“ von Big Data, einem Begriff, der auch große nicht medizinische Datenmengen benennt.

Wurde das Verfahren zu Beginn als Adaptive Licensing (AL, „angepasste/stufenweise Zulassung“) eingeführt und auch als MedicinesAdaptive Pathways to Patients (MAPP) bezeichnet, wird in der Diskussion inzwischen vor allem die von MAPP abgeleitete verkürzte Form Adaptive Pathways (AP) verwendet.

Entwickelt wurde das Verfahren zwischen 2010 und 2013 innerhalb der „New Drug Development Paradigms“-Initiative (NEWDIGS), einem Thinktank am Center for Biomedical Innovation (CBI) des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. Das CBI wird von zahlreichen Pharmafirmen, aber auch anderen Institutionen finanziell unterstützt.

Vorgestellt und eingeführt hat es in Europa Hans-Georg Eichler, Medizinischer Leiter für Humanmedizin der EMA. Er war 2011 Gastwissenschaftler am CBI. In einem ersten Artikel im Fachmagazin Clinical Pharmacology & Therapeutics stellte er das Konzept 2012 mit weiteren Autoren aus Industrie, Wissenschaft und Zulassungsbehörden vor.

Von März 2014 bis August 2016 führte die EMA ein Pilotprojekt durch, um die praktischen Auswirkungen des Konzepts mit den in Entwicklung befindlichen Medikamenten zu untersuchen.

Seither bietet die EMA Arzneimittelherstellern an, sie gezielt zu beraten, welche Möglichkeiten sie haben, ein Arzneimittel über das AP-Verfahren zuzulassen.

Im Dezember 2016 konnten die verschiedenen Interessengruppen, Befürworter und Kritiker in einem Workshop der EMA (zusammen mit der Europäischen Kommission) ihre Sicht auf das Thema Adaptive Pathways darstellen und Vorschläge für das weitere Vorgehen machen.

Die Diskussion des Adaptive-Pathways-Verfahrens ist noch nicht abgeschlossen. Die EMA steht weiterhin im Austausch mit den verschiedenen Interessengruppen der Industrie, Patientenverbänden, Erstattungs- und Zulassungsbehörden etc.

Wurde Adaptive Pathways in den ersten Konzepten noch als Möglichkeit gesehen, den etablierten Weg der Zulassung zu ersetzen, sodass jedes neue Medikament diesen beschleunigten Weg gehen könnte, scheint die EMA dies nicht mehr zu verfolgen und das Verfahren nur bei bestimmten Arzneimitteln anwenden zu wollen, etwa wenn es mangels Behandlungsalternativen einen dringenden Bedarf gibt („unmet medical need“).

Bild von

Jens Flintrop

Pressesprecher

Bild von

Susanne Breuer

Pressereferentin

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