Brotkrumenpfad

IQWiG im Dialog 2018

IQWiG im Dialog: Gefährden die neuen „Estimand“-Strategien die Standards der Nutzenbewertung?

Diskussion um aktuelle Methoden-Vorschläge der EMA

In jüngster Zeit diskutieren Wissenschaftler, Hersteller und Behörden vor allem im Kontext der Arzneimittelzulassung verstärkt über „ Estimands“. Unter Estimand (deutsch: „das zu Schätzende“) wird der in einer geplanten Studie zu schätzende Effekt verstanden, etwa der Unterschied zwischen zwei Medikamenten bezüglich eines patientenrelevanten Endpunkts unter bestimmten zu wählenden Bedingungen. Diese hängen u. a. ab von der interessierenden Population, dem Umgang mit auftretenden Zwischenereignissen sowie dem verwendeten Effektmaß. Mit der Veröffentlichung eines Papiers durch die europäische Zulassungsbehörde (Addendum zur EMA Guideline ICH E9) im August 2017 hat das Thema an Bedeutung gewonnen. Die darin getroffenen Festlegungen könnten nicht nur klinische Studien und die Zulassungspraxis verändern, sondern auch Einfluss auf die Nutzenbewertung haben – wie Kritiker meinen, zulasten der bisher hohen Standards.

Ergebnisse für die Nutzenbewertung womöglich unbrauchbar

Das aktuelle Addendum zur EMA-Guideline ICH E9 zu den statistischen Prinzipien für klinische Studien befasst sich unter anderem mit Estimands. Das Addendum beschreibt fünf Strategien, die zu unterschiedlichen Estimands führen. Jedoch lassen sich nicht alle Estimands mit bewährten Methoden schätzen, ohne ein hohes Verzerrungspotenzial in Kauf nehmen zu müssen. Etwa wenn nicht mehr die Daten aller randomisierten Studienteilnehmer, sondern nur diejenigen – lediglich hypothetisch definierbarer – Teilgruppen ausgewertet werden, die nicht hinreichend strukturgleich sind.

Somit stellt sich die Frage, welche Estimands bei der Nutzenbewertung sinnvoll verwendet werden können und welche Estimands für HTA-Entscheidungen irrelevant sind. Es besteht zudem die Gefahr, dass die beschriebenen Strategien als Rechtfertigung missbraucht werden, um in klinischen Studien wichtige Daten, wie z. B. unerwünschte Ereignisse, nicht mehr vollständig zu erheben.

Mit Referenten aus Wissenschaft, Zulassung und Industrie wurde bei „IQWiG im Dialog“ am 15. Juni 2018 über die Anwendungsmöglichkeiten und Probleme von Estimands für die Nutzenbewertung diskutiert.


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