Sprungmarken


Brotkrumenpfad

Ein Ausblick − vorsichtig prognostiziert

Ein Blick in die Zukunft von Jürgen Windeler, Leiter des IQWiG.

Das IQWiG hat seine ersten zehn Jahre nicht nur überstanden, vielmehr ist es zu einer wichtigen und weithin anerkannten Größe geworden – im deutschen Gesundheitswesen ebenso wie in der europäischen HTA-Szene. In den nächsten zehn Jahren wird es nun darum gehen, diese Position zu halten, sie auszubauen und für notwendige Verbesserungen zu nutzen.
 
Die Dynamik der letzten Jahre war beachtlich. Hätte man sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass ...

  • ... neu zugelassene Arzneimittel einer systematischen Bewertung unterzogen werden?
  • ... bei dieser Bewertung nicht „irgendein“ Vorteil genügt, sondern der derzeitige Versorgungsstandard der Maßstab ist, also das Mehr an Nutzen ausschlaggebend ist?
  • ... Firmen alle Unterlagen zu Ergebnissen und Methodik ihrer Studien offenlegen müssen?
  • ... Preise auf der Basis eines therapeutischen Mehrwertes festgelegt werden?
  • ... Studien initiiert und durchgeführt werden, von denen einzelne Fachleuten vorher behaupteten, sie seien nicht machbar oder überflüssig?
  • ... zukünftig Studien von der GKV mitfinanziert werden können?
  • ... evidenzbasierte Informationen als unverzichtbar gelten, sogar für die Krebsfrüherkennung?

Dies ist ein Fortschritt, an dem auch das IQWiG mit seiner Arbeit und seiner Positionierung einen maßgeblichen Anteil hatte.

Die nächsten zehn Jahre

In Anbetracht des bisher Erreichten erscheint es nicht gänzlich utopisch, die Situation in (spätestens) zehn Jahren wie folgt zu beschreiben:

Nutzenbewertung auch für ältere Arzneimittel
In der Versorgung befindliche Arzneimittel werden systematisch überprüft. Wir haben zu viele, zum Teil auf ihren Nutzen unzureichend geprüfte oder überflüssige Arzneimittel. Die Bewertung des Bestandsmarktes wurde aus formal nachvollziehbaren Gründen gestoppt. Doch durch Preisrabatte allein wird sich das Versorgungsproblem nicht lösen lassen. Deshalb benötigen wir für bereits in der Versorgung befindliche Wirkstoffe Regelungen, wie sie für neue Arzneimittel erfolgreich implementiert wurden.

Medizinprodukte unterliegen einer (frühen) Nutzenbewertung
Die Bewertung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden im Krankenhaus (§ 137c SGB V) war ursprünglich dazu gedacht, Forschung zu ermöglichen. Tatsächlich befördert sie aber den weitgehend unkontrollierten Fluss von sogenannten Innovationen ins System. Aber so wie das AMNOG als überreifer Apfel vom Baum fiel, so wird es in zehn Jahren auch für Medizinprodukte eine systematische Überprüfung geben. Erste Anzeichen dafür sind schon heute erkennbar.

Alle relevanten Unterlagen aus Regulierungsverfahren sind öffentlich
Transparenz war seit seiner Gründung ein zentrales Anliegen des IQWiG. Das Institut hat sie aber nicht nur zur Grundlage der eigenen Arbeit gemacht und praktisch umgesetzt, sondern auch von anderen verlangt – von der Industrie ebenso wie von der Wissenschaft. Mit Arzneimittelherstellern hat das Institut schon 2005 eine wegweisende Vereinbarung getroffen, die sich praktisch bewährt hat und inzwischen auch bei Medizintechnik-Firmen zum Einsatz kommt. Das AMNOG hat unsere Bemühungen um Transparenz unterstrichen. Die nächsten Schritte werden darin bestehen, Studiendaten von bereits zugelassenen Arzneimitteln ebenso wie relevante Informationen aus dem CE-Zertifizierungsverfahren zugänglich zu machen. Neue Anforderungen werden auch an die Veröffentlichung von nicht industriell gesponserten Studien gestellt werden.

HTA-Prozesse werden europaweit abgestimmt
Die Gesundheitssysteme in Europa unterscheiden sich erheblich und HTA muss nationale Entscheidungen unterstützen. Insofern gibt es unter den europäischen HTA-Institutionen Bedarf, insbesondere in methodischen Fragen zu einer gewissen Standardisierung zu kommen. Die aktuell laufenden EU-weiten Projekte werden in den nächsten zehn Jahren zu einem „Regelwerk“ im Sinne von Guidelines führen, die Grundlage für die Bewertungen der nationalen Agenturen sein können.

Eine Plattform nach dem Vorbild der englischen Website „NHS Choices“ ist verfügbar
Gesundheitsinformation.de ist ein Angebot an alle Bürgerinnen und Bürger, sich in Fragen von Gesundheit, Prävention und Krankheit umfassend, evidenzbasiert und unabhängig zu informieren. Den gesamten Bedarf an Information kann das IQWiG jedoch unmöglich alleine decken. Zu groß wäre der Aufwand, erst recht dann, wenn Informationen über das Gesundheitssystem selbst hinzukämen. Hier wollen wir eine Kooperation mit anderen Institutionen erreichen, in der wir uns alle auf Standards verpflichten und die Arbeit aufteilen, um den Bürgern die qualitativ hochwertigen Informationen zu liefern, die sie brauchen.

Die Aufdeckung von Wissenslücken zieht Studienkonzepte nach sich
Das IQWiG hat es immer als seine Aufgabe verstanden, aus seiner Arbeit heraus auf Wissenslücken aufmerksam zu machen. Diese sind erfreulich oft aufgegriffen und in Studienkonzepte umgesetzt worden. Eines der herausragenden Ergebnisse ist sicher die weltweit einzigartige Studie zur Behandlung des frühen Prostatakarzinoms (PREFERE). Es wäre sehr zu wünschen, dass die Notwendigkeit solcher Aktivitäten in Deutschland eine noch breitere Akzeptanz findet.

Vorsichtiger Ausblick

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Überraschungen sind also sicher. Und wir werden daran arbeiten, auch in der Bilanz der nächsten Dekade von zum Teil überraschenden Fortschritten berichten zu können. Kurzum: Wir freuen uns auf die Aufgaben der nächsten zehn Jahre.


zum Anfang

Glossareinträge